Abwehr stärken mit gesundem Darm

DAS GESUNDHEITSINTERVIEW zum Thema mikrobiologische Therapie

VON VERA GLASS

Bei der mikrobiologischen Therapie werden gute Bakterien zur Abwehrsteigerung verabreicht. Mit der oralen oder injizierten Verabreichung dieser Mikroorganismen lassen sich zahlreiche Vorgänge des Immunsystems anstoßen. Die Wirkung dieser Therapie basiert auf einer Immunmodulation. Dabei ist der Darm, der 80 Prozent der Immunzellen beherbergt, das wichtigste Zielorgan. Durch die Gabe von unterstützenden Bakterien soll das körpereigene Abwehrsystem in die Lage versetzt werden, ein ungünstiges Keimspektrum nachhaltig zu verdrängen. Über diese Behandlungsmethode sowie deren positive Auswirkungen sprachen wir mit Dr. Ruth Bathiany, Allgemeinmedizinerin in der Hausarzt-Praxis im Heilhaus Kassel.

Welche Rolle spielt der Darm in Bezug auf Gesundheit und Immunabwehr?
Eine ganz entscheidende: Der Darm ist mit Schleimhaut ausgekleidet, auf der sich unzählige Mikroorganismen befinden. Die Menge dieser Bakterien sind das Mikrobiom, das bei jedem Menschen einzigartig ist – wie ein Fingerabdruck. Geht man davon aus, dass dieses Mikrobiom gesund ist, helfen die Bakterien dabei, das Immunsystem zu stärken. Die Schleimhaut des Darms hat mit ihrer großen Oberfläche eine wichtige Barrierefunktion gegenüber schädigenden Bakterien und Viren, Pollen und Umweltgiften, die beispielsweise bei der Nahrungsaufnahme in den Körper gelangen. Bei einer Störung des Bioms kann das Abwehrsystem nicht mehr richtig funktionieren. Die Folge sind verschiedene Störungen beziehungsweise Erkrankungen, die daraus resultieren.

Welche Erkrankungen können sich aufgrund eines gestörten Mikrobioms entwickeln?
Zunächst einmal Schleimhauterkrankungen des Darms, die sich unter anderem durch Unverträglichkeiten zeigen – das wiederum hat Durchfälle, Blähungen und allgemein Verdauungsprobleme zur Folge. Zudem spielen in diesem Zusamenhang die Neurodermitis, Heuschnupfen, Asthma, rheumatische Erkrankungen, das Reizdarm-Syndrom sowie eine insgesamt erhöhte Infektanfälligkeit eine besondere Rolle.

Wie findet man heraus, dass beispielsweise ein Heuschnupfen seine Ursache im Darm hat?
Zunächst einmal wird eine Anamnese gemacht. Im weiteren Verlauf ist es möglich, über eine Stuhlanalyse zu erkennen, welche gesunden Bakterien fehlen – gleichzeitig werden auch die unguten Keime entdeckt. Mit dieser Analyse ist es dann möglich, ganz gezielt die notwendigen Bakterien zuzuführen und das Biom wieder aufzubauen. Man muss sich vorstellen, dass zwischen den guten Bakterien und den unguten Keimen eine Art Wettstreit besteht. Sind die helfenden Bakterien in der Mehrheit, sind sie in Lage, die Keime zu verdrängen. Das Immunsystem ist wieder in Balance. Gerade in Zeiten von Corona ist das ein ganz wichtiger Aspekt.

Zurück zum Heuschnupfen: Wie würde man therapieren, wenn man nach der Analyse festgestellt hat, dass die Ursache höchstwahrscheinlich im Darm liegt?
Zunächst muss man festhalten, dass die gesamte Schleimhaut – vom Nasen-Rachenraum über den Magen bis zum Darm – durch Lymphbahnen miteinander verbunden ist. Anhand der Analyse werden Autovaccine – körpereigene Bakterien – hergestellt, die in Tropfenform verabreicht werden. Über die Schleimhaut entfalten sie mit der Zeit ihre Wirkung. Allerdings benötigt diese Form der Behandlung Zeit, meist zwei bis vier Monate.

Bei welchen weiteren Personen beziehungsweise Situationen ist die Immunmodulation angebracht?
Auf jeden Fall eignet sich die Behandlung nach einer Antibiotikum-Behandlung. Da ist es sogar empfehlenswert, bereits während der Einnahme damit zu beginnen. Außerdem zeigen sich gute Erfolge bei Patienten, die eine Chemotherapie erhalten. Denn Patienten bekommen unter der Therapie häufig starke Durchfälle. Ebenso kann die Therapie die Verträglichkeit der Chemo insgesamt verbessern. Desweiteren eignet sich die mikrobiologische Therapie bei Infektanfälligkeit, bei alten Menschen, die sich zum Teil einseitig ernähren und auch bei rezidivierenden Blasenentzündungen. Wichtig ist jedoch, dass nicht wahllos gute Darmbakterien eingenommen werden. Eine vorherige Analyse ist wichtig, um genau die Bakterien zu ersetzen, die im Darmprofil fehlen.

 

Text: Vera Glass/hna

Foto: Dan Race - stock.adobe.com

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